Dieser Bericht behandelt einen Studentenaustausch, den unsere Uni (Filmuniversität Babelsberg) mit der UNCSA in Winston-Salem, North Carolina, organisiert hat. Unser Team und ein weiteres Team wurden ausgewählt und dürfen vor Ort mit der Hilfe der amerikanischen Studenten unsere Kurzfilme realisieren. Mit dabei sind: Max (Regie), Josie (Szenografie), Benny (Produktion) und Colin (Sound).

Wir landen am Abend in Charlotte, holen unser Mietauto ab und fahren eine gute Stunde weiter nach Winston-Salem. Unsere Unterkunft für die ersten Tage (bevor Colin nach seiner Klausur nachkommt) ist ein ranziges Zimmer mit zwei „Queen Size“ Betten in einem Motel irgendwo am Rand von Winston – umgeben nur von massiven Parkplätzen, Fast Food Restaurants und Supermärkten. Bei unserer Ankunft lässt sich die Tür nicht öffnen und das Schloss muss von einer Mitarbeiterin aufgeschraubt werden. Die Heizung funktioniert nicht, der Raum hat eine Küchenzeile ohne Töpfe oder Besteck und WLAN gibt es nur auf dem Parkplatz, weshalb Benny den restlichen Abend im Auto verbringt, um ganz schnell eine neue Unterkunft zu finden.

Am nächsten Morgen frühstücken wir auf Josies Nostalgie-Wunsch hin im IHOP (International House of Pancakes). Spaßeshalber gucken wir uns auf Google Maps auch mal an, wie lang man für die Strecke mit öffentlichen Verkehrsmitteln brauchen würde: Anderthalb Stunden stehen da den 6 Minuten mit dem Auto gegenüber. Dass man hier ohne Auto komplett verloren ist, zeigt sich auch an den oft nicht vorhandenen Fußwegen und der insgesamt sehr lieblos gestalteten Infrastruktur abseits der Straßen. Dafür kann man fast alles erledigen, ohne sein Auto zu verlassen – es gibt neben den unzähligen Drive-Through-Restaurants auch Drive-Through-Banken und -Apotheken. Und wenn man für seinen Großeinkauf im Walmart dann doch mal parken muss, kann man zum Glück in einen elektrischen Rollstuhl umsteigen und durch die Gänge cruisen. God bless America!

IHOP-Frühstück

Am Nachmittag bekommen wir von den UNCSA-Studenten eine Führung durch ihren Campus. Ziemlich gut ausgestattet sind sie, zumindest was die Räumlichkeiten angeht, und es gibt sogar eine Campus-Polizei, die in bulligen Musclecars über das Gelände rollt. Irgendwohin müssen die Studiengebühren ja gehen, für die sich die Leute hier hoch verschulden. Mir wird wieder mal klar, was es für ein Privileg ist, in Deutschland zu studieren.

Die kommenden Wochen stehen ganz im Zeichen der Filmvorbereitung und obwohl wir hier nur ein sehr kleines Projekt mit zwei Drehtagen haben, beschäftigt uns die Organisation, das Location Scouting und Casting eigentlich 24-7. Dazwischen ziehen wir noch zwei mal in andere seltsame Unterkünfte um und besuchen immer mal wieder voller Sehnsucht das Traumhaus des anderen Teams.

Das Location Scouting stellt sich als ziemlich interessant heraus, insbesondere weil wir ein heruntergekommenes Haus in der Provinz suchen. Damit haben wir natürlich direkt eine besonders hohe Quote an schrulligen alten Leuten, die nichts mit anderen Menschen zu tun haben wollen. Es ist aber alles dabei – von der grimmigen Frau, die in ihrem Ohrensessel Nascar guckt und sich auf das Klingeln an ihrer Tür nur kurz zur Seite dreht und laut „NO!“ ruft; über eine alte Dame, die alleine in einem riesigen Bauernhaus wohnt und uns wie im Delirium mit einem seligen Lächeln immer wieder sagt, dass es doch just wonderful wäre, wenn wir bei ihr drehen würden; bis hin zu John, dem nettesten Menschen der Welt, bei dem wir letztendlich auch drehen und alles bekommen, was wir brauchen. Das andere Team dreht bei einer Familie, deren Grundstück durch ein Schild mit den Worten „Due to price increase on ammo, do not expect a warning shot“ abgesichert ist – angeblich aber super nette Leute. Überhaupt müssen wir hier lernen, dass man nicht dieselbe Weltanschauung haben muss, um liebevoll umsorgt zu werden – zumindest wir als weiße Westeuropäer und zumindest solange man keine politische Diskussion anzettelt. Die Leute stellen ihre Meinung auch insgesamt gerne in Form von Schildern in ihre Vorgärten. Besonders beliebt sind religiöse Sprüche („Rise up Lord! Let your enemies be scattered!“), „Trump/Pence“, aber auch „No matter where you are from, we’re glad you’re our neighbor“ (auf englisch, spanisch und arabisch). Hin und wieder sieht man eine Konföderierten-Flagge in einem Junkyard wehen, da klingeln wir dann lieber nicht.

Random zurückgelassenes Auto neben leer stehendem Haus

Klassische Südstaaten-Veranda. So eine will ich auch mal.

Storyboarding

Antike Malereien, unter der Tapete versteckt in unserer Innen-Location.

Die Traum-Location, die wir nicht bekommen haben…

Storyboarding

Neben der Location-Suche bin ich noch mächtig am Rudern mit der bereitgestellten Technik, da jeder etwas anderes behauptet, was wir bekommen und was nicht. Ich organisiere mir extern Objektive, die aber entgegen der ursprünglichen Aussagen nicht auf die Kamera der Uni passen, weshalb ich noch alle möglichen Verleihe recherchiere und abtelefoniere, bis dann einer der Studenten am Ende einfach den passenden Mount kauft (weil er ihn früher oder später eh gebraucht hätte) und mir für das Projekt vermietet. Kurz vor Dreh will uns die Hochschule auf einmal nicht mehr den Generator geben, der essentiell für unsere Innen-Location ist, mit der wir seit einer Woche planen, für die ich das Storyboard gemacht habe und Josie die Requisiten organisiert hat. Mit ein bisschen Betteln geht es nach einem Tag in Angst dann auf einmal doch. Auch das eine unserer beiden Filmautos springt kurzfristig ab, aber eine kleine Zettel-Verteil-Aktion von Benny und mir ist fruchtbar und bringt uns am Tag vor dem ersten Drehtag noch den rettenden Anruf. Insgesamt muss man doch sagen, dass alles irgendwie möglich ist und sich die Leute extrem hilfsbereit zeigen. Man stelle sich nur mal vor, wir paar kleine Filmstudenten ohne Geld würden im Brandenburger Hinterland einfach an fremden Türen klingeln und fragen, ob wir hier in ein paar Tagen mit 30-40 Leuten aufschlagen und einen Kurzfilm drehen dürften – sehr schwer vorstellbar, dass wir da einfach den Hausschlüssel überreicht bekommen würden, weil der Eigentümer über das Wochenende eh nicht zu Hause ist. Oder einen Autoschlüssel mit dem Hinweis, dass wir nicht auftanken müssen, weil wir ja Studenten sind…

Zwischen all dem Vorbereitungsstress gibt es einen Abend, an dem wir mal mit den UNCSA-Studenten was trinken gehen – erst in eine unglaublich geleckte Bar mit gewollt hippem Interieur und danach zu einer Hausparty, die direkt aus einer College-Komödie von 2002 entsprungen sein könnte. Wir sind eigentlich nicht eingeladen, werden aber von unseren Austauschstudenten mitgeschleppt mit dem Hinweis, dass sie eigentlich auch nichts mit denen zu tun haben, weil sie von einer anderen Fakultät seien. Mit uns zusammen kommt eine Gruppe leicht bekleideter 17-jähriger Mädels an – natürlich mit dem Auto. Na hoffentlich bleibt das am Ende des Abends dort stehen… Wir heben merkbar den Altersdurchschnitt auf der Party und fühlen uns auch sonst mächtig fehl am Platz zwischen der Kissing Booth, dem Beer Pong Tisch und dem Keller-Dancefloor, auf dem bei Schwarzlicht Chartmusik gepumpt wird. Während unserer zweiten Runde Chandelier (so was ähnliches wie Beer Pong) bekommt die Gastgeberin Wind davon, dass ungeladene Gäste auf ihrer Party sind und ist nicht amüsiert. Sam und Patricio, unsere beiden Produktionshelfer und engsten Kontakte während der gesamten Vorbereitungsphase, raten uns an, schnell noch jeden einzelnen der klassischen Red Cups zu leeren, da werden wir auch schon hochkant mit den Worten „Get out of my house RIGHT NOW!“ rausgeschmissen. Stattdessen lassen wir den Abend dann eben bei einem anderen Kommilitonen zu Hause ausklingen.

Der Dreh selbst läuft nach all den Steinen, die uns vorher in den Weg gelegt wurden, dann ziemlich reibungslos und macht Spaß. Auch wenn ich eine hochgradig unmotivierte erste Kameraassistentin habe, werden alle weiteren Aufgaben durch die vielen helfenden Hände immer schnell erledigt. Allein im Licht-Team sind am ersten Tag sieben Leute, die blitzschnell Kabel verlegen, Lampen bewegen und am Ende alles wieder im Truck verstauen. Wir drehen nach amerikanischem System – großes Team und klar voneinander getrennte Departments. Wenn ein Monitor bewegt werden muss, kann das kein Beleuchter machen, sondern man muss auf jemanden aus dem Kamera-Department warten. Etwas absurd manchmal, aber funktioniert größtenteils ganz gut.

(Setfotos von Benjamin Herkert)

Nach dem Dreh-Wochenende können wir uns endlich mal einigermaßen entspannen und bei strahlendem Sonnenschein und Frühlings-Temperaturen die Requisiten zurückbringen und Kabel vom Schlamm des regnerischen ersten Drehtags befreien. Wir gucken uns noch ein paar Dinge in Winston-Salem an, machen einen Ausflug auf einen Tafelberg, auf dem es aussieht wie im Elbsandsteingebirge, verbringen den letzten Abend in einer witzigen Bar mit haufenweise alten Spielautomaten und verschwinden dann noch mal eine Woche nach Florida, bevor es wieder ins kalte Berlin geht.

Pilot Mountain

Klassenfahrt

Winston-Salem: Home of the original Empire State Building!

Barcade

Ein Herz und eine Seele.

Ein paar Stills aus unserem Kurzfilm finden sich hier.