Wir machen eine private Tour durch die Sperrzone von Tschernobyl und es ist definitiv die beste Entscheidung, ein paar Euro mehr im Vergleich zu einer öffentlichen Tour in die Hand zu nehmen. Unser Guide holt uns um acht am Hostel in Kiew ab und wir fahren mit dem Bus erst mal zwei Stunden bis zum ersten Checkpoint zur 30km-Sperrzone. In dieser Zone 2 herrscht an den meisten Stellen keine höhere Strahlenbelastung mehr als in Kiew und es wohnen noch einige Menschen hier – größtenteils einsame alte Leute, die nie weggezogen sind und nach wie vor ganz normal ihr Gemüse anbauen und ihre Tiere halten. Die Zone 1, die im Umkreis von 10km um den Reaktor ist, wird allerdings nie wieder bewohnbar sein. Die Strahlenbelastung in der Luft ist dort nicht höher als auf einem normalen Langstreckenflug, aber der Boden, die Gewässer und die Gebäude sind stark kontaminiert.

Unsere erste Station ist gleich eine der beeindruckendsten – eine gigantische Radaranlage, die die Sowjetunion zum Erspähen amerikanischer Raketen am Himmel gebaut hat. Es ist eine riesige Wand aus Stahl und Kabeln, 150m hoch und 500m breit – lange geheim gehalten und erst seit 2011 für Besucher zugänglich. Wir werfen einen Blick in die Schaltzentrale, von wo aus der Luftraum überwacht wurde, aber es ist nur noch schwer vorstellbar, wie es dort wohl mit all den Gerätschaften ausgesehen hat, die in der Zwischenzeit geplündert wurden.

Es geht weiter durch verschiedene Gebäude, von denen ein Krankenhaus vermutlich das bedrückendste ist. Wir gehen außerdem in das Innere eines nie fertiggestellten Kühlturms. Direkt vor diesem Turm zeigt uns unser Guide eine Stelle am Boden, die den Geigerzähler auf über 70 µSv ausschlagen lässt, etwa 700 mal über dem Normalwert. Dort könnte bei der Explosion ein Stück Metall oder ähnliches von Reaktor 4 gelandet sein. Das anschließende Mittagessen in der Kantine ist eigentlich einer der skurrilsten Momente der Tour. Sie befindet sich nur etwa einen Kilometer Luftlinie von dem berüchtigten Reaktor entfernt und hat einen herrlich sowjetischen Charme – sowohl das Ambiente als auch das Essen.

Nach dem Mittagessen füttern wir die riesigen Welse im Fluss und machen einen kurzen Stop mehr oder weniger direkt vor dem Reaktor, wo gerade eine neue Strahlenschutzkuppel gebaut wird, die über das Gebäude geschoben werden soll. Anschließend fahren wir nach Pripyat, der Stadt, die 1970 für die Arbeiter des Kernkraftwerks und deren Familien gebaut wurde. Wir gehen wieder in verschiedene Einrichtungen und steigen auf ein Hausdach eines 16-Geschossers, von wo aus man sehr gut sehen kann, wie sich die Natur das Areal zurückholt. Unser Guide lässt uns ein bisschen Zeit, die Wohnungen des Hauses zu erkunden, aber bis auf einen Herd oder ein Regal hier und da wurden diese schon komplett leergeräumt. Gegen Ende des Tages kommen wir an die touristischen Hotspots, wie den Freizeitpark und das Schwimmbad. Die öffentlichen Touren sind schon vorbei, so dass wir auch hier wieder alles für uns haben. Wäre nicht alles kontaminiert und man müsste nicht aufpassen, dass man nichts anfasst, wäre das dort ein riesiger Spielplatz, der ein Freiheitsgefühl sondergleichen vermitteln würde.

Auf der Rückfahrt sehen wir noch ein Video mit Aufnahmen von Pripyat vor dem Unfall. All diese Plätze jetzt noch einmal intakt zu sehen, untermalt mit sowjetischer Propagandamusik und glücklichen Kindergesichtern, sorgt schon für ein wenig Gänsehaut. Die Stadt hatte nur 16 Jahre, fast doppelt so lang ist sie jetzt schon eine Geisterstadt.

 

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